Wissenschaftler fordert: Haltung gegen Rassismus zeigen

veröffentlicht 26.05.2026 von bon, Ev. Dekanat Westerwald

Wie tief ist Rassismus in unserer Gesellschaft verankert? Und wer oder was ist eigentlich „weiß“? Während seines intensiven Vortrags „Rassismuskritik: Was muss ich wissen?“ im Evangelischen Gymnasium Bad Marienberg stellt Professor Dr. Karim Fereidooni viele Fragen. Auch unangenehme.

Der Professor nimmt die rund 70 Gäste – viele davon Lehrkräfte und SchülerInnen - mit auf eine Spurensuche. Zu Denkmustern, in denen Rassismus immer noch verankert ist. 

Rassismus im Alltag

Zur Begrüßung stellt Schulleiter Dirk Weigand zunächst eines klar: Es wird kein Abend, der aus sicheren Distanz heraus zurückblickt. Zurück auf die dunklen Zeiten zwischen 1933 und 1945. „Rassismus wird von uns eher in der Politikgeschichte verortet. Aber er hat nach wie vor viel mit unserem Alltag zu tun“, sagt Weigand. 

Von diesem Alltagsrassismus spricht Professor Karim Fereidooni. Und darüber, dass wir nicht nur die „anderen“ infrage stellen sollten, die rassistisch sprechen, sondern auch uns. Sein einstündiger Vortrag hat ein hohes Tempo, ist sehr dicht, oft provokant. Zunächst räumt der Professor mit der nach wie vor weit verbreiteten Meinung auf, dass es menschliche Rassen gebe. Die gibt es nicht, stellt Fereidooni klar. Es gibt stattdessen die „Rassifizierung“ von Menschen. Die geht auf Jahrhunderte alte Theorien zurück, ist aber noch heute auf den Schulhöfen und in den Köpfen zu finden – und wird besonders häufig an Hautfarben festgemacht. Darüber hinaus spricht der Wissenschaftler von einer anderen Kategorie des Rassismus, dem Neo- beziehungsweise dem Kulturrassismus. Kulturen gelten als höher- oder minderwertig, und diese Denkmuster werden oft über Generationen weitergegeben, sagt Fereidooni: „Rassismus bildet und bringt uns Dinge bei. Schon im Kindesalter, in der Familie. Wir müssen Rassismus verlernen und Lebensrealitäten anerkennen, die nicht unsere sind. Selbst kleine Kinder wenden rassistische Kategorien an.“ Das einzig Gute daran ist, dass wir deshalb mit kleinen Kindern über Rassismus reden können, glaubt der Experte. 

“Sie repräsentieren den Staat!”

Das ist eine Aufgabe, die alle betrifft – besonders SchülerInnen und Lehrkräfte, von denen heute viele den Vortrag im Evangelischen Gymnasium hören. „Sie repräsentieren den Staat, Sie dürfen nicht rassistisch sein!“, appelliert Fereidooni an die Gäste im Plenum. 

Doch so selbstverständlich ist das in der Realität nicht. Die Studien, die der Wissenschaftler zitiert und die zeigen, wie salonfähig solche Gedanken immer noch sind, sprechen eine andere Sprache. Was dabei nicht hilft, ist das Bild des „alten weißen Mannes“. Das vertieft Gräben, glaubt Karim Fereidooni. Denn im wissenschaftlichen Sinne bedeutet Weiß sein mehr als die Hautfarbe. Auch „weiße“ irische Immigranten sind aufgrund ihrer Konfession diskriminiert worden; ebenso wie jüdische „weiße“ Menschen diskriminiert werden. Pauschalisierungen helfen also nicht. Stattdessen fordert Karim Fereidooni: „Seien Sie nicht neutral. Sondern positionieren Sie sich klar im Sinne des Grundgesetzes.“

Haltung beweisen

Ganz praktisch rät er den Gästen und vor allen den VertreterInnen des Gymnasiums, die eigene Biografie zu betrachten und sich zu hinterfragen: Was hat Rassismus mir beigebracht? Und wie kann ich ihn wieder verlernen? Daraus können dann Antidiskriminierungsstellen in einer Schule entstehen, die wiederum Teil einer Antirassismusstrategie sind. „Lassen Sie sich von Experten begleiten, etablieren Sie multiprofessionelle Teams, üben Sie Empathie ein und bilden Sie sich regelmäßig zum Thema fort. Ich weiß: Das ist finanziell, personell und zeitlich schwierig. Aber es geht um Prioritäten.“ Klare Positionen gegen Rassismus zu beziehen ist die richtige Priorität – besonders für Lehrkräfte, ist sich Karim Fereidooni sicher. „Und ja – Konflikte werden entstehen. Aber es kommt darauf an, dass Sie nicht neutral gegenüber verfassungsfeindlichen Positionen bleiben. Sondern dass Sie Haltung beweisen.“ (bon)

Ermöglicht wurde der Abend durch den Förderverein der Schule und die Evangelische Erwachsenenbildung im Evangelischen Dekanat Westerwald.