Der Kontakt zu Unnaus Pfarrer Johannes Schütz entstand durch eine Studienreise des Evangelischen Dekanats Westerwald im vergangenen Jahr nach Erfurt. Die Westerwälder Gruppe erkundete dort das Projekt „Erprobungsräume“ der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM), bei dem neue Gemeindeformen in einem säkularen Umfeld gelebt werden.
Arbeit mit Menschen im sozialen Brennpunkt
Das Erfurter Plattenbaugebiet „Roter Berg“ ist ein sozialer Brennpunkt. Rund 7000 Menschen leben hier, auch wenn nach der Wende viele die Siedlung verließen. Am „Roten Berg“ blieben hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Suchterkrankungen zurück. Genau dort setzt die Arbeit des Jesus-Projekts an. „Wir wollen Menschen dort begegnen, wo sie sind“, erklärt Flügge. Die Mitarbeitenden gehen auf öffentliche Plätze, besuchen Menschen zu Hause, im Krankenhaus, Altenheim oder Gefängnis und bieten praktische Hilfe an. Manchmal geht es um ein Gespräch, manchmal um Unterstützung beim Einkaufen oder Putzen. Immer aber geht es darum, den Menschen als Individuum wahrzunehmen.
Fast 20 Jahre drogenabhängig
Michael Flügge weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, in einer scheinbar ausweglosen Situation zu stecken. Fast 20 Jahre war er heroin- und kokainabhängig. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich jemals aus der Sucht herauskomme“, sagt er. Die Frage nach dem Sinn des Lebens habe ihn damals immer wieder beschäftigt. „Wenn ich sterbe, bin ich anderen keine Last mehr“, waren Gedanken, die ihn begleiteten. Der Kontakt zu Christen und die Auseinandersetzung mit dem Glauben wurden für ihn zu einem Wendepunkt. Seit 1996 ist Flügge frei von Drogen. „Ich habe durch den Glauben gelernt, frei zu werden und frei zu bleiben“, erzählt er. Heute möchte er diese Erfahrung weitergeben. „Ich möchte, dass Menschen Jesus kennenlernen“.
Projekte: Kreativwerkstatt “Anders” und Familienarbeit “bärenstark”
Beim Gottesdienst in Unau zeigte Flügge zunächst einen Kurzfilm über das Jesus-Projekt. Zur Arbeit gehören die Begegnungsstätte ANDERS mit einer Kreativ-Werkstatt und die Kinder- und Familienarbeit „bärenstark“. In der Kreativ-Werkstatt leisten auch Menschen ihre Sozialstunden ab, die straffällig geworden sind. Sie übernehmen unter Anleitung handwerkliche Aufgaben und erleben dabei etwas, das in ihrem bisherigen Leben oft gefehlt hat: Anerkennung, Gemeinschaft und eine feste Tagesstruktur. Ein ähnliches Ziel verfolgt „bärenstark“. Das Angebot richtet sich an Kinder und Familien und umfasst unter anderem Ferienprogramme, gemeinsames Lernen und Beratung für Eltern. „Wir wollen die Teilhabechancen der Kinder und Familien fördern und ihnen eine Lebens- und Berufsperspektive geben“, so Flügge. Bei aller sozialen Arbeit bildet der christliche Glaube die Grundlage des Engagements. Viele Menschen, die durch die Angebote erreicht werden, hätten vorher kaum Kontakt zur Kirche gehabt, berichtet Flügge: „Viele unserer Teilnehmenden waren noch nie in einem Gottesdienst“. Finanziert wird die Arbeit etwa zu einem Drittel aus Spenden, zu einem Drittel aus Fördergeldern und zu einem Drittel aus öffentlichen Mitteln.
Persönlicher Auftrag
Für ihn selbst begann die Geschichte des Jesus-Projekts 2002. Gemeinsam mit seiner Frau zog er nach Erfurt, nachdem ihn Begegnungen mit Menschen dort tief bewegt hatten. Bei einem Besuch in der Innenstadt stieß er auf das Lutherdenkmal und die Worte aus Psalm 118: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.“ Flügge nahm diese Worte als persönlichen Auftrag. Mehr als zwei Jahrzehnte später ist daraus eine vielfältige Arbeit geworden. Eine Arbeit, die dort beginnt, wo Menschen gerade stehen, manchmal mitten in einer Krise, manchmal am Rand der Gesellschaft und manchmal ohne jede Hoffnung. „Veränderung erleben – deswegen sind wir da“, sagt Michael Flügge.
Kontakt zum Jesus-Projekt gibt es unter: jesus-projekt-erfurt.de