Die Veranstaltung des Arbeitskreises Prävention hat „einen Nerv getroffen“; wie es der Präventionsbeauftragte der Regionalen Diakonie Westerwald Rhein-Lahn, Reiner Kuhmann, auf den Punkt bringt.
Workshops für SchülerInnen
„Es braucht ein ganzes Dorf, ein Kind zu erziehen“. Ein Satz, der an diesem Tag immer wieder auftaucht. Präventionsarbeit ist ein Projekt, das viele braucht: Freunde, Familie, Menschen der Umgebung, aber auch Vereine und Verbände – und die Schulen. Deshalb beginnt der Tag um 8 Uhr mit Workshops für rund 300 SchülerInnen. Ein Schwerpunkt des Morgens: Essstörungen. „Viele betroffene Jugendliche kamen auf mich zu und haben offen über ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema gesprochen“, berichtet Reiner Kuhmann von dem eindrücklichen Vormittag.
Teure Süchte
Der zweite Teil findet dann in der Westerburger Stadthalle statt: Dort sind viele Vereine und Verbände mit Ständen vertreten und stehen den Gästen Rede und Antwort. Zum Beispiel die Koordinierte Fachstelle Prävention der Glücksspielsucht und Medienabhängigkeit des Landes. Deren Vertreter Christian Schaack sagt, dass rund neun Prozent der Deutschen von Medienabhängigkeit betroffen sind. Besonders riskant – und kostspielig – wird es, wenn es sich dabei um Online-Glücksspiele handelt: „Mit dem Handy hat man seinen Spielautomaten immer dabei“, sagt Schaack – und das kann die Betroffenen schnell in größte Schwierigkeiten bringen. „Glücksspielsucht ist die teuerste Sucht“, fasst er zusammen. Ein blinkender Automat am Stand der Fachstelle demonstriert symbolisch, wie tückisch Glücksspiele sein können: Steckt man oben eine Art Geldschein in den Schlitz, kommt das Papier unten geschreddert heraus.
Wie gefährlich Süchte und der schnelle Rausch ganz unmittelbar sein können, zeigt die Verkehrswacht Montabaur anhand eines „Rauschparcours“: Verschiedene Brillen und simulieren die Wirkung von Alkohol und Drogen – und machen es so gut wie unmöglich, Farben zu unterscheiden und Linien entlangzugehen.
Wege aus der Abhängigkeit
Der Aktionstag macht aber nicht nur deutlich, wie riskant Rauschmittel sind und wohin Abhängigkeit führen kann. Er zeigt auch Auswege aus der Sucht – und Möglichkeiten, dass es gar nicht erst so weit kommt: Die VertreterInnen des Freundeskreises Westerwald, dem Verein für Suchtkrankenhilfe, erzählen offen von ihrer Geschichte – und über die Rückkehr in ein besseres Leben: „Vertauen, Offenheit und Ehrlichkeit können helfen, Wege aus der Sucht zu finden. Bei uns hören die Betroffenen kein ,Du musst!‘, sondern ein ,Du bist gut – so wie Du bist!‘“, sagt Ottmar Mandler. Andere setzen früher an – zum Beispiel Zada Tomic, die ein Kosmetik- und Sportstudio betreibt und auf den Sport als wirkungsvolle Präventionsmaßnahme setzt. Auch die 16-jährige Helena weiß, wie gut Sport bei Problemen tun kann: „Er hat mir in einer schweren Zeit geholfen und wieder Routine in mein Leben gebracht“, sagt das Mitglied des Turnvereins „Steh Kopf“.
Bewegende Vorträge
Sport kann eben ein Ausweg sein. Oder Kreativität, Kunst, Gespräche. All das hat während des Präventionstags Raum. Aber auch: das Schwere. In ihrem Vortrag erzählt die Gründerin des gemeinnützigen Unternehmens Tomoni, Alix Puhl, die Geschichte ihres Sohnes, der sich mit 16 Jahren das Leben nahm. Auch er nahm Drogen – auch wenn sie nicht der Grund des Suizids waren. Er litt unter den Folgen einer Autismus-Spektrum-Störung und starken Depressionen. Beides wurde erst kurz vor seinem Tod erkannt. „Es braucht ein ganzes Dorf, ein Kind zu erziehen“, erzählt sie und greift damit einen Leitsatz des Tages und ihrer Arbeit auf. Denn auch ein waches Auge, ein richtiges Wort zur richtigen Zeit gehören zur Prävention. Ob es nun um Sucht oder eine psychische Erkrankung geht: „Je früher eine solche Erkrankung wahrgenommen wird, desto besser kann sie behandelt werden“, sagt Alix Puhl. „Dafür braucht es das sprichwörtliche Dorf: Es braucht Menschen, die aufmerksam sind, die in Schulen, Vereinen, Familien Anzeichen erkennen und den Mut haben, auf Eltern zuzugehen und die Anzeichen anzusprechen. Menschen, die den Mut haben zu fragen, warum sich andere so verhalten, wie sie sich verhalten.“
Trotz des Schicksalsschlags hat Alix Puhl neuen Mut gefunden. So wie der Autor Daniel Gebhart. Auch er spricht in Westerburg während eines Vortrags offen über seine Vergangenheit, in der er das Glück in Alkohol und Drogen sucht. Doch Gebhart schafft den Absprung und möchte in Westerburg zeigen, dass das auch für andere möglich ist. Selbst wenn sie am Boden liegen. „Setzt Euch Ziele; habt Träume, für die es sich lohnt zu kämpfen. Schreibt Eure eigene Geschichte!“, sagt er. Eine Botschaft, die nicht nur seine Geschichte, sondern den ganzen Aktionstag gut zusammenfasst. (bon)