Im Evangelischen Gemeindehaus in Herborn standen hochkarätige Experten den Vertretern der Nachbarschaftsräume aus den beiden Dekanaten Rede und Antwort.
Nachdem der Gebäudebedarfs- und Entwicklungsplan durch die Dekanatssynoden beschlossen ist, steht fest, welche Gebäude mit Kategorie „C“ eingestuft sind. Für diese entfällt ab 2027 die Gebäude- und Bauzulage der Landeskirche. „Einfach ‚weg damit‘ ist genauso wenig eine Lösung wie das Daran-Klammern oder aus Bequemlichkeit an dem Gebäude festzuhalten“, stellte Dekan Andreas Friedrich vom Dekanat Biedenkopf-Gladenbach eingangs fest: „Kategorie C verursacht Handlungsbedarf!“ Das Thema werde die evangelische Kirche noch jahrelang begleiten, war sich der Westerwälder Dekan Dr. Axel Wengenroth sicher: „Wir sollten das nicht nur als Last ansehen, sondern auch als Chance“, sagte er. Er hoffe auf neue Perspektiven jenseits des Verkaufs im Ideenaustausch zwischen Nachbarschaftsräumen und Landeskirche, sagte er.
Referenten mit unterschiedlichen Perspektiven
Vier Referenten widmeten sich zunächst mit kurzen Impulsen aus ihrem jeweiligen Fachgebiet dem Thema. Darüber diskutierten die Gäste in „Murmelgruppen“, bevor dann bei einer Podiumsdiskussion Fragen beantwortet wurden. Den Anfang machte Oberkirchenrat Markus Keller als Leiter des Referats Liegenschaftsverwaltung und Baurecht der EKHN: Auch wenn für C-Gebäude ab 2027 die Gebäude- und Bauzulage der Landeskirche entfalle, könnten die Nachbarschaftsräume sie aber auf eigene Kosten weiterbetreiben, wie Keller schilderte. Dazu müsse die Unterhaltung sichergestellt oder eine (Mit-)Nutzung durch Dritte angestrebt werden; etwa christliche Gemeinden, die der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) angehören, die Kommune oder die Diakonie. An solche Partner könne mit kirchenaufsichtlicher Genehmigung auch verkauft werden, sagte Keller und riet dazu, Verkäufe im Erbbaurecht anzustreben. Die dritte Möglichkeit bestehe darin, das Gebäude stillzulegen und gegebenenfalls irgendwann abzureißen. „Wir wollen jede Kirchengemeinde in diesen Prozess und bei der Entscheidung unterstützen“, versicherte Keller.
Auf die Rolle kirchlicher Gebäude als Baustein im Gemeinwesen machte Stefan Heinig anschließend aufmerksam, der beim Zentrum Bildung und Gesellschaft der EKHN für Stadt- und Landentwicklung sowie Gemeinwesenorientierung zuständig ist. Vielfach seien die Häuser und Kirchen Sozialräume, für die großer Bedarf bestehe. Für ihn ist deshalb das Öffnen der Gebäude, das Umnutzen oder das gemeinsame Nutzen mit Dritten dem Schließen und Verkaufen vorzuziehen. Heinig wusste von einer ganzen Reihe erfolgreicher Umnutzungen zu berichten: So seien in der EKHN schon ein Diakoniezentrum, Sozialwohnungen, ein Gemeinnütziges Wohnprojekt, ein Inklusionshotel, ein Dorfgemeinschaftshaus und eine Kindertagespflege in ehemals von den Gemeinden genutzten Gebäuden entstanden. Heinig riet dazu, früh nach möglichen Interessenten zu suchen und mit ihnen zu sprechen.
Anhand eigener langjähriger Erfahrungen berichtete Wilfried Kehr, Leiter der Regionalen Diakonie Westerwald Rhein-Lahn, wie die Synergien zwischen Diakonie und Kirche praktische Lösungen in der Gebäudediskussion ergeben können. So seien beispielsweise die Diakonie-Beratungsstelle in Dietz sowie die Tafel in Hachenburg in C-Gebäuden untergebracht, berichtete er. Gemeindehäuser seien oft geeignet für Diakoniezentren; und er könne sich auch vorstellen, dass die Gemeinde weiter Zugriff auf bestimmte Räume darin habe. Denkbar und sinnvoll seien auch gemeinsame Empfangsbereiche und Besprechungsräume bei verschiedenen Nutzern, regte er an.
Die finanzielle Perspektive beleuchtete schließlich René Fünders als Leiter der Regionalverwaltung Nassau Nord. Im Vergleich zu seinem Dienstbeginn vor rund 30 Jahren schlössen heute die meisten Gemeindehaushalte negativ ab, derweil Personal- und Unterhaltungskosten bei sinkenden Zuweisungen deutlich anstiegen. „Die Notwendigkeit eines C-Gebäudes will gut bedacht sein!“, warnte er.
Podiumsdiskussion und Murmelgruppen
In der Podiumsdiskussion kam die Sprache schnell auf die Probleme, die die Entscheidungen für die Nachbarschaftsräume schwer machen. Vielerorts gebe es gut genutzte Gemeindehäuser und schöne denkmalgeschützte Kirchen, in die aber kaum noch Menschen zu den Gottesdiensten kämen – wieso könne man diese nicht einfach im Gemeindehaus feiern und dieses erhalten? 90 Prozent der Kirchen seien historische Gebäude, was einen Verkauf erschwere, und zudem wesentlich teurer im Unterhalt sei, erläuterte OKR Markus Keller. Würden sie auf C gesetzt, müsse man mit dem Verfall vieler solcher Kirchen rechnen, sagte er.
Schließlich hatten die Kirchenvorstände Gelegenheit, Problemstellungen und Fragen aus ihren Gemeinden mit den Referenten zu erörtern, über die diese dann noch kurz im Plenum berichteten. Abschließend dankte Dekan Wengenroth Transformationsunterstützer Dr. Johannes Geng für das Organisieren der Veranstaltung sowie allen Beteiligten fürs Mitdenken und das Anstoßen neuer Ideen: „Das Thema wird uns nicht loslassen“, war er sich gewiss.
(klk/eöa)