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Augenblick mal... Fleischtöpfe und Bürokratie

Hier erfahren wir also, was in den berühmten „Fleischtöpfen Ägyptens“ (2. Mose 6,13) alles enthalten war. "Da fingen auch die Israeliten wieder an zu weinen und sprachen: Wer wird uns Fleisch zu essen geben? Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen, und an die Kürbisse, die Melonen, den Lauch, die Zwiebeln und den Knoblauch."

Nun aber ist unsere Seele matt, denn unsere Augen sehen nichts als das Manna. … Als nun Mose das Volk weinen hörte, alle Geschlechter miteinander, einen jeden in der Tür seines Zeltes, da entbrannte der Zorn des HERRN sehr. Und auch Mose verdross es. Und Mose sprach zu dem HERRN: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? …

Und der HERR sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst." (4. Mose 11 in Auszügen)

Das für mich wirklich bemerkenswerte ist, dass hier durch Gott und seinen Heiligen Geist die Anfänge einer Verwaltungsstruktur aufgebaut werden, wo doch eigentlich, in unserer Auffassung, nichts so sehr dem Geist widerstrebt wie die Bürokratie. Vielmehr scheint die Bürokratie doch geradezu ein Musterbeispiel für Geist-losigkeit zu sein. Bürokratie steht für verkrustete Strukturen, für Trägheit, für sture Regelbefolgung ohne Rücksicht auf menschliche Belange. Beispiele.
Oder denken wir an das ewige Wachstum der Bürokratien, an die bürokratischen Wasserköpfe, an das sogenannte Empire-Building, das dort vor sich geht, wo einzelne Abteilungen immer mehr Kompetenzen an sich ziehen, immer neue Aufgaben für sich erfinden, um ihre eigene Wichtigkeit unter Beweis zu stellen. Und wenn dann doch einmal Bürokratie abgebaut werden soll, was geschieht als erstes? Dann werden neue Planstellen geschaffen, dann wird eine neue Kommission installiert, um die Möglichkeit der Verschlankung der Verwaltung zu prüfen. So etwas soll mit Geist zu tun haben?

Der Geist, zumindest im christlichen Bereich, steht doch für Freiheit, für Unberechenbarkeit, für Spontaneität, für Ekstase. Und so wird von vielen gerade die Bürokratie in der Kirche als das Übel an sich angesehen, wird den Staatskirchen gerade von den Frei- und Pfingstkirchen, die sich besonders auf das Wirken des Geistes berufen, Geistlosigkeit in höchstem Maße bescheinigt.
Trotzdem bleibe ich dabei: was wir im Buch Numeri im 11. Kapitel beobachten können, ist das Entstehen einer Verwaltung unter dem Einfluss des Heiligen Geistes. Und wenn wir genau hinschauen, gibt es das in der Bibel noch öfter. Nur ein Beispiel: die Gemeindeordnungen des Neuen Testaments, Regelwerke, in denen das Leben der jungen christlichen Gemeinden geordnet wird. Ich glaube tatsächlich, dass zwischen dem Geist Gottes und einer guten Verwaltung nicht notwendig ein Widerspruch besteht. Der entscheidende Begriff ist allerdings: gut. Eine gute Verwaltung muss es sein. Denn es ist mit der Verwaltung wie mit dem Feuer: sie ist eine gute Dienerin, aber eine schreckliche Herrin.

Eine Verwaltung, die nicht zu einer Bürokratie pervertiert, die den Menschen nicht beherrschen, sondern ihnen dienen will, ist eine gute Sache. Da schützen Regeln, die für alle gleichermaßen gelten, die Schwächeren vor der Willkür der Reichen und Mächtigen, da gibt es Instanzen, bei denen man sein Recht einklagen kann, da gibt es Mechanismen, die vor Bestechlichkeit und Bestechung schützen. Da können Aufgaben gelöst und Probleme bewältigt werden, die die Kraft eines Einzelnen, wie auch die des Mose, überfordern würden, und das nicht chaotisch und planlos, sondern koordiniert und effizient.
Also steht auch kirchliche Verwaltung nicht gegen den Geist Gottes, sondern ist von der Idee her sogar der Ausbreitung gerade dieses Geistes dienlich. Heißt es doch im Augsburgischen Bekenntnis, dass Gott den Heiligen Geist gibt durch die rechte Verkündigung des Evangeliums und die stiftungsgemäße Darreichung der Sakramente. Das muss das Ziel aller kirchlichen Arbeit und auch aller kirchlicher Verwaltung sein, und zugleich der Maßstab, an dem sie sich messen lassen muss. Und schließlich gilt: wenn der Heilige Geist weht, wo er will, dann kann er auch in einer Verwaltung wehen.

Dass die dann unter der Hand nicht doch zu einer Herrschaft der Büros, zu einer Bürokratie mutiert, dazu bedarf es allerdings auch der dauernden Wachsamkeit und der Mitarbeit aller Beteiligten und Betroffenen. Und notfalls wird uns der Geist dann auch zu einer Art kreativem Widerstand gegen bürokratische Auswüchse führen, damit wir mit Phantasie und List der Geistlosigkeit ein Schnippchen schlagen.
Vor allem aber gilt es, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, denn das war wohl das eigentlich Problem der Israeliten, als sie den geliebten Fleischtöpfen Ägyptens nachtrauerten: sie schauten nur zurück und hatten keine Zukunftsperspektive, hatten den Traum vom gelobten Land vergessen. Diesen Traum wachzuhalten oder wiederzubeleben war vielleicht die vornehmste Aufgabe des Mose und seiner 70 Ältesten. Nichts anderes ist auch jedem Einzelnen von uns aufgegeben.

Dekan Dr. Axel Wengenroth

 

 

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