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Das Leitungsduo des Evangelischen Dekanats Westerwalds im Interview

Risikofreudig: Die neuen Dekane starten durch

bonDekan Dr. Axel Wengenroth liebt kernige Zweiräder, Prodekan Benjamin Schiwietz das Gleitschirmfliegen.

So sieht sie also aus, die neue Spitze des Evangelischen Dekanats Westerwald. Der eine fährt eine Kawasaki, trägt Ledermontur, Sonnenbrille, Biker-Stiefel, der andere fliegt einen gigantischen Gleitschirm.

bonStarten gemeinsam durch: Prodekan Benjamin Schiwietz und Dekan Dr. Axel Wengenroth (von links).

Die beiden Pfarrer erinnern eher an tollkühne Hunde als an die Seelsorger von Nebenan. Dabei sind der neue Dekan Dr. Axel Wengenroth und sein Stellvertreter Benjamin Schiwietz zwei Typen mit Bodenhaftung. Sie mögen die Ruhe und konzentrieren sich auf das, was vor ihnen liegt. Mut ist ihnen trotzdem wichtig. Nicht nur wegen ihrer waghalsigen Hobbies. Sie wünschen sich eine Kirche, die wieder etwas riskiert; Gemeinden, die ihre Stärken nutzen, statt es allen recht machen zu wollen. Zum Start ihrer Amtszeit sprechen die beiden über Herzensangelegenheiten, Höhenflüge und ihre Hoffnungen für die kommenden Jahre.

Feuchte Hände und Herzklopfen

Herr Dr. Wengenroth, Herr Schiwietz, Sie haben Hobbies, die bei vielen für Herzklopfen und feuchte Hände sorgen. Sind Sie auf der Suche nach Nervenkitzel?

Benjamin Schiwietz: Wenn ich fliege, erlebe ich die Kraft der Natur und des Windes. Das Gefühl, wenn ich loslaufe, der Schirm sich plötzlich strafft und ich abhebe, fasziniert mich immer noch. Und wenn ich dann alles von oben sehe, erlebe ich tiefe Ruhe und Entspannung.

Dr. Axel Wengenroth: Anfang der 90er-Jahre hatte ich mal mehr Nervenkitzel, als mir lieb war. Damals habe ich mich mit meiner Maschine böse hingelegt und bin neun Jahre lang nicht gefahren. Dann habe ich mir aber nochmal ein Motorrad zugelegt. Das fühlte sich dann an, als ob ein Engel von hinten schiebt ... ein irres Gefühl. Wenn ich fahre, bin ich voll konzentriert und fokussiere mich ganz auf die Straße. Das ist eine einzigartige Erfahrung.

Braucht ein Pfarrer diesen Kick?


Wengenroth:
Als Pfarrer habe ich keinen Feierabend. Außer auf dem Motorrad. Wenn ich fahre, kann ich nicht ans Handy gehen. Die Maschine hilft mir, rauszukommen und abzuschalten.

Schiwietz: Manchmal gibt es Momente, in denen ich 30, 40 Minuten mit meinem Schirm einfach nur am Hang sitze, auf die richtige Thermik warte und absolut nichts tue. Im Alltag kommt diese „leere“ Zeit fast nie vor; hier bleibt mir nichts anderes übrig. Das ist dann das Gegenteil eines Kicks: Ich tue einfach nichts. Aber auch das kann eine wertvolle Erfahrung sein.

Welche Inspiration aus Ihren Hobbies nehmen Sie mit in Ihre neue Aufgabe als Dekan und Prodekan?

Wengenroth: Kirche muss wieder mehr auf Risiko gehen! Nur so zeigt sie, was sie kann und warum sie wichtig ist. Nehmen wir zum Beispiel die Notfallseelsorge, die mir sehr am Herzen liegt: Ich wünsche mir, dass sich künftig mehr Pfarrer bereit erklären, dort mitzumachen. Seelsorge ist eine Kernaufgabe des Pfarramts – besonders an denen, die nach einem Ereignis, das ihr Leben aus der Bahn geworfen hat, gerade ganz unten sind. Natürlich ist nicht jeder Pfarrer oder Pfarrerin dafür gemacht, weil die Notfallseelsorge nun einmal eine belastende Aufgabe ist. Aber wenn sich mehr Kollegen dafür entscheiden würden, wäre es für alle einfacher – für die alten und künftigen Mitglieder der Notfallseelsorge.

Was ist Ihre Herzenssache, Herr Schiwietz?

Schiwietz: Ich hoffe, dass wir die Gemeindepädagogik an die Erfordernisse des neuen Dekanats Westerwald anpassen. Wir brauchen eine gerechte Verteilung unseres gemeindepädagogischen Dienstes, sodass er möglichst vielen Gemeinden zugute kommt – ohne dass sich unsere Pädagogen aufreiben. Mein Ziel ist, dass wir eine solide und gerechte Konzeption fürs neue Dekanat ausarbeiten. Apropos neues Dekanat: Wir leben im flächenmäßig zweitgrößten Kirchengebiet der Landeskirche, mit großen Entfernungen zwischen den einzelnen Kirchengemeinden.

Ein Dekanat - viele Stile

Was bedeutet das für deren künftiges Miteinander?

Wengenroth: Wir müssen den unterschiedlichen Mentalitäten des Westerwalds Raum geben: den eher pietistisch geprägten Menschen im Norden; den Diaspora-Regionen mit hohem katholischen Anteil im südlichen Dekanat. Wir als Dekanat wollen keine von oben verordnete Einheitskultur schaffen. Aber wir wollen die Gemeinden stärken und unterstützen, damit die vor Ort ihre Arbeit machen können und sich dort jeder Mensch in seinem eigenen Frömmigkeitsstil heimisch fühlt. Das Wichtigste ist, dass bei allen Glaubensrichtungen der gegenseitige Respekt gewahrt wird und man im Gespräch bleibt. Die Grenze ist überschritten, wenn der eine dem anderen den Glauben abspricht.

Schiwietz: Eine Kirchengemeinde muss nicht jeden Bereich des geistlichen Lebens abdecken. Ich glaube, dass die Zukunft in spezialisierten Gemeinden liegt; in Schwerpunkten und der gegenseitigen Ergänzung. Jeder soll mit den Dingen dienen, die er kann und die seine Herzensangelegenheit sind. Ein Beispiel: Die Kirchengemeinden Hachenburg und meine Gemeinde Altstadt liegen nah beieinander. Wir haben immer darauf geachtet, dass nichts gedoppelt wird, sondern dass beide ihre eigenen Schwerpunkte haben – ob es nun Familien, Jugend oder Kirchenmusik sind. Natürlich muss eine Art Grundversorgung gegeben sein. Aber eine Kirchengemeinde und ein Pfarrer können und sollten nicht alles machen.

Wie sieht denn Ihr persönlicher Frömmigkeitsstil aus? Was ist ihnen am Glauben wichtig?

Wengenroth: Ich würde mich als liberalen Theologen beschreiben, dem die Freiheit wichtig ist. Freiheit bedeutet aber nicht Beliebigkeit, sondern auch Verantwortung für das zu übernehmen, für das ich mich entschieden habe. Liturgisch bin ich von der Anglikanischen Kirche geprägt: Ich mag Predigten mit einem gewissen intellektuellen Anspruch und vor allen Dingen schöne Liturgien. Die üben auf mich eine ganz eigene Faszination aus: Eine gute Liturgie hat einen eigenen Rhythmus, einen Fluss. Man vergisst alles um sich herum und denkt irgendwann: Das ist es! Das hat was Transzendentales – und ähnelt zumindest darin manchmal einer Motorradtour.

Schiwietz: Mir ist ein lebendiger Glaube wichtig, der aus dem Leben kommt und ins Leben hineinwirkt. Für mich bedeutet das: zeigen, dass sich die Kirche zu den Menschen hin bewegt, deren Leben sieht und Teil dieses Lebens wird. Das heißt auch, dass wir vor Ort präsent sind – natürlich auch auf dem Kirmesgottesdienst.

Zum Abschluss: Wenn Sie die Wäller Christen mit einem Motorrad vergleichen würden: Welche Maschine wäre das, Herr Wengenroth?

Wengenroth: Eine BMW Enduro. Geländegängig, wendig, robust.

Und was ist das Schönste, was Sie bei Ihren Flügen über den Westerwald gesehen haben, Herr Schiwietz?

Schiwietz: Der Dreifelder Weiher. Diese Facetten von Blau und Grün, die man nur von oben sieht, sind der Knaller. Genau so ist das, wenn ich mir die Kirchengemeinden des Westerwalds ansehe: Hier gibt es eine bunte Vielfalt, und trotzdem sind die Leute fest im Wäller Basalt verankert.

Das Gespräch führte Peter Bongard

 

Im Detail: Die neue Spitze des Evangelischen Dekanats Westerwald

Der neue Dekan Dr. Axel Wengenroth ist 54 Jahre alt, verheiratet, hat drei Kinder und war 15 Jahre lang Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Gemünden. Er ist unter anderem Gründungsmitglied der Notfallseelsorge Rhein-Lahn, war Mitglied der Kirchensynode sowie Gründungsmitglied der Konferenz der Träger Evangelischer Kindertagesstätten im Westerwald. Prodekan Benjamin Schiwietz ist verheiratet, hat drei Kinder und war fast sechs Jahre lang Pfarrer der Kirchengemeinde Hachenburg-Altstadt. Der gebürtige Offenbacher studierte in Mainz und Heidelberg und absolvierte sein Spezialvikariat als Seelsorger in der Ingelheimer Abschiebehaft. Wengenroth wurde während der jüngsten Dekanatssynode zum Nachfolger Wolfgang Weiks gewählt und tritt seinen Dienst offiziell am 1. April an. Auch Schiwietz wurde während der Synode gewählt, übt sein Amt aber schon jetzt aus. Die Amtszeit der beiden dauert sechs Jahre. Die offizielle Einführung und die Verabschiedung des alten Leitungsteams findet am Sonntag, 22. April, um 14 Uhr in der Evangelischen Schlosskirche in Westerburg statt.

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